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01.10.1995 | PRESSE

StudioMagazin (Fritz Fey)

Vor etwas mehr als zwei Jahren begann für Jens Kuphal, den Hauptdarsteller unserer Geschichte und jetzt in Amt und Würden befindlichen Inhaber des Nucleus Tonstudios in Berlin, ein Abenteuer, das er sicher so schnell nicht vergessen wird; ebenso wenig alle diejenigen, die ihm bei der Umsetzung seiner Traumvorstellung an vorderster Front zur Seite gestanden haben.

Der Bau eines Tonstudios - ich meine eines richtigen Tonstudios - ist heute wie eh und je ein Abenteuer, ein Action Thriller, dessen Ausgang man auch bei professioneller Planung und Konzeption selten richtig voraussehen kann. Zu viele Einzelfaktoren können während der Bauphase das Ende der Story und den Umfang des Budgets beeinflussen.

Jens Kuphal ist ein echter Berliner, ein Eingeborener sozusagen, der eigentlich die Tonmeisterei an der HdK studieren wollte. Aber wie so oft kommt es anders, als man denkt. Klavierunterricht, zahlreiche Gastspiele in Schülerbands, ein Praktikum in den Hansa Studios, erfolgreiche Arbeit als Keyboarder für Nina Hagen, das erste Heimstudio, Jingleproduktion, Musik-Management, Produzententätigkeit für Nena und Wiebke Schroeder, eigentlich eine ganz logische Entwicklung für unsere Branche, wenn auch in diesem Fall eine sehr bewegte und erfolgreiche dazu.

Die Unzufriedenheit mit dem, was so manches Studio ihm als Produzent und Musiker bot, brachte ihn schließlich auf den Gedanken, sein eigenes Studio zu bauen, nicht etwa eines dieser trost- und konzeptlosen Kreativgräber, in dem sich heute so mancher Musiker mehr oder auch weniger aussichtsreich verbarrikadiert, sondern ein Tonstudio nach allen Regeln der Kunst, mit einer funktionierenden Akustik, mit hochwertiger Technik, mit einer unverwechselbaren Ausstrahlung und - was das Wichtigste ist - mit einem schlüssigen Konzept: einer wirtschaftlich tragfähigen Mischung aus Eigenproduktion durch die im selben Hause angesiedelte Produktionsfirma, ein Joint Venture mit Eastwest Records und EMI Music Publishing und Fremdproduktionen mit dem Wunsch, sich nach außen zu öffnen, Impressionen und Ideen anderer wirken zu lassen, Teamwork engagiert zu praktizieren.

Dieses Studio ist ganz sicher etwas Besonderes und man sieht es ihm auch an.
 

Der vom Standpunkt akustischer Grundregeln aus betrachtet halsbrecherische Einsatz von Glasflächen ist das offensichtlichste optische Merkmal des Nucleus Tonstudios. Nicht nur die gesamte Trennwand zwischen Regie und Aufnahmeraum besteht aus einer Stahlrahmen/Glas- Konstruktion, sondern auch die seitlichen Frontteile der Regie, die den Blick auf Maschinen, Endstufenracks, Schallschleuse und Aufenthaltsraum fast ungehindert freigeben. Daß auf der akustischen Seite dennoch keinerlei Kompromisse eingegangen werden mußten, ist sicher der konsequenten Planungsarbeit des Münchner Akustikspezialisten ACM zu verdanken, die vom Nucleus-Bauteam mit viel Sorgfalt, Liebe zum Detail, unerschütterlichem Ehrgeiz, Kreativität und Sinn für ästhetik umgesetzt wurde; allen voran Derryk Schiffer mit seinem Partner Ralf Wynands, die den gesamten Innenausbau durchführten und Osswald Krienke, der die technische Konzeption des Studios entwickelte.

Ich glaube, daß sich wohl niemand der Faszination und der magischen Ausstrahlung dieses Studios entziehen kann. Die Technik ist mit "das Feinste aus dem Reich der Analogtechnik" wohl am besten beschrieben: SSL G+ Konsole, Studer A820 Mehrspur, dazu alles, was Rang und Namen hat, im Outboard-Rack. Mit der notwendigen Portion Blauäugigkeit und Naivität ging das Team in die Startlöcher, ohne genau zu wissen, was es bedeutet, eine ganze Dachetage zu entkernen und ganz von vorne anzufangen, allerdings mit einer ziemlich genauen Vorstellung davon, wie ein Tonstudio Jahrgang 1995 auszusehen hätte.

Am 8. September fand im Kreise aller am Bau Beteiligten die inoffizielle Eröffnungsparty statt, an der ich als einziger ,Außerirdischer' teilnehmen durfte. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit zu einem Gespräch, in dem ich mit Jens Kuphal ausnahmsweise einmal nicht über den Sinn jeder einzelnen Schraube und Dachlatte sprach, sondern darüber, was er denn nun mit diesem Schmuckstück von Studio anfangen würde und warum er in einer Zeit, die landläufig - und wie ich meine fälschlicherweise - als Ende der Ära klassischer Tonstudios gilt, überhaupt noch einen solchen ,Anachronismus' in die Welt setzen mußte. ,Ich bin ein Mensch, der die Dinge tun muß, um sie zu lernen,' sagt Jens Kuphal über sich und man kann davon ausgehen, daß er eine Menge über Studios gelernt hat.
Sein Ziel, das perfekte Studio in Berlin zu bauen, empfand er als Berufung, eine Berufung, der er einfach gefolgt ist...

 

Fritz Fey: Wenn es stimmt, daß die Zeit der klassischen Studios vorbei ist, warum baut man dann eins?

Jens Kuphal: Wenn ich heute hier sitze und mir das Studio ansehe, muß ich mich selbst für verrückt halten. Eine Bauzeit von 2 ¸Jahren, das ist ein Weg, den man beschreitet und bei dem man am Anfang nicht weiß, wo man später enden wird. Ich bin ein Mensch, der versucht, Dinge sehr konsequent zu tun und stets eine genaue Vorstellung zu entwickeln. Ein Projekt dieser Dimension muß einen jedoch automatisch überholen. Wenn ich mir anfangs einbildete, etwas über Studiobau zu wissen, kann ich das heute nur als total naiv bezeichnen. Heute weiß ich, was es heißt, ein Studio zu bauen. Alle am Bau Beteiligten haben eine Lehrzeit durchlebt, ob man das nun auf technischer, akustischer oder menschlicher Ebene sehen möchte. Es ist ein Schuß Wahnsinn und Naivität auf der einen und auf den anderen Seite auch ein genauer Plan, warum man so etwas macht. Ich bin der festen überzeugung, daß die Entwicklung der Technik uns vor eine Situation stellen wird, die nicht nur so aussieht, daß wir uns in die eigenen vier Wände zurückgedrängt sehen, sondern daß sich der Markt und die bestehenden Strukturen in den nächsten 5 bis 10 Jahren ganz stark polarisieren werden. Ich sehe auch schon erste Ansätze dazu. Das bestehende Mittelklassestudio, also das Studio mit einer ganz bestimmten Technik und in einer ganz bestimmten Größenordnung, wird die nächsten Jahre nicht überleben, weil die Bereitschaft der Leute für diese Art Studio Geld zu investieren immer weiter zurückgehen wird. Sie erkennen, daß sie zu viel Geld für eine Sache ausgeben, die letztlich doch nicht das HiEnd-Produkt hervorbringen und den HiEnd-Service erbringen kann, den man sich erhofft. Sie ziehen sich lieber in ein eigenes Heimstudio zurück, in dem sie Zeit gegen Geld setzen können. Wenn mehr Zeit vorhanden ist, kann man bessere Ergebnisse erzielen. Dem gegenüber steht jedoch auch der Wunsch, Dinge auszureizen, selbst besser zu werden. Deshalb glaube ich an die Polarisierung zwischen Heimstudio, das dank des digitalen Zeitalters immer besser wird und auch seine absolute Berechtigung hat, und dem klassischen Studio, das eine Konsole und Outboard-Equipment einer bestimmten Qualität anbietet, die man sich auf der Heimstudioebene nicht leisten kann. Ich merke jetzt schon, daß die Leute sagen: Das Geld, das ich zu Hause sparen kann, werde ich am Schluß in ein Topstudio tragen, um den Mix mit einem viel weiter gehenden Anspruch an die Qualität zu Ende zu bringen. Es ist auch ein gewisser Respekt einer solchen Situation gegenüber, es ist auch die Frage der Atmosphäre und des Ortswechsels, den ich für total wichtig halte, da Musiker, die zu Hause arbeiten, irgendwann mit ihrer Arbeit an einen Punkt kommen, an dem sich die extreme Einsiedelei blockierend für die ganze Produktion auswirkt. Wir haben ein Studio gebaut, das für die verschiedensten Arten von Musik und die verschiedensten Leute ein Ort der Begegnung sein wird. Ich glaube an diese Mechanismen, an den Geist eines solchen Ortes. Jeder trägt etwas hinein und von jedem bleibt etwas zurück. Jeder, der hier arbeiten wird, erfährt ein Stück dieser Atmosphäre und gestaltet sie wieder neu. Ich habe die ganze Zeit über daran geglaubt, daß man die Energie, die man ausstrahlt, auch wieder zurückerfährt, auch wenn das vielleicht ein wenig abgehoben klingen mag. Dieses Studio ist die Energie, die ich nach außen gebe und die Leute werden mit Sicherheit darauf reagieren. Das zeigen mir schon die wenigen Besucher, die bisher bei uns waren. Sie wurden von der Ausstrahlung dieses Studios sofort erreicht. Leute, die einmal hier waren, rufen wieder an, um sich nach freier Studiozeit zu erkundigen. Die meisten verlassen das Studio mit der Bemerkung, auf jeden Fall wiederkommen zu wollen. Dieses Ziel war auch Bestandteil unserer anfänglichen Gedanken, die sich, wie ich glaube, nun haben auch umsetzen lassen. Dieses Studio war nicht nur mein Traum. Ich alleine wäre nicht dazu befähigt gewesen, etwas derartiges zu realisieren. Es ist, wie auch in der Musik selbst, die Konstellation aus Zeit, Ort und den Beteiligten, einen bestimmten Geist zu treffen und etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Gibt man drei verschiedenen Menschen die wirtschaftliche Möglichkeit, ein solches Studio zu bauen, werden es drei völlig verschiedene Studios werden. Es geht darum, zu erkennen, daß die Menschen, die hier zusammengekommen sind - Derryk Schiffer mit seinem Partner Ralf Wynands, die den kompletten Ausbau gemacht haben, Osswald Krienke, der maßgeblich das technische Konzept mit Leben erfüllt hat - etwas Besonderes geschaffen haben. Wir haben ganz unbedarft angefangen - und darin lag wohl auch die Chance. Ich würde dieses Studio natürlich immer wieder bauen, auch mit dem heutigen Wissen. Ob ich allerdings den Mut in dieser Konsequenz noch einmal hätte, kann ich gar nicht sagen. Ich bin natürlich dankbar dafür, daß wir es geschafft haben und absolut glücklich, befinde mich auch in einer sehr schönen Situation, da eben alle Reaktionen so positiv sind. Dieses Studio wird alleine laufen lernen. Unser Konzept am Standort Berlin, der ganz maßgeblich für mein Handeln war, ist trotzdem eine mutige Entscheidung.

Fritz Fey: Das Problem eines solchen Interviews ist leider, daß viel zu wenig von der Atmosphäre und der Ausstrahlung dieses Studios herüberkommt und man als Leser eigentlich gar nicht so richtig weiß, worüber im Grunde gesprochen wird. Die Fotos werden einige Eindrücke vielleicht vermitteln können, Aber letztlich muß man es selbst gesehen haben. Für mich war schon bei meinem letzten Besuch in der Schlußphase des Baus klar, daß dies hier ein ganz spezielles Konzept ist, ein ganz spezielles Studio, das auch nur mit beträchtlichem Aufwand realisiert werden konnte und sicherlich auch ungeheuer kostspielig war. Dazu gehört auch ein außergewöhnlicher kaufmännischer Mut. Wie gut dieses Studio auch immer laufen wird, die Anstrengungen haben sich auf jeden Fall gelohnt. Für mich ist das auch eine Bestätigung1 daß schöne Studios als kreative Orte mit einem bestimmten Geist niemals überflüssig werden können. Sie geben der Musik und den Musikern etwas, das man sonst nirgendwo anders finden kann. Ich halte es für ungeheuer wichtig, daß sich die Tendenz zur Isolation bei der Musikproduktion wieder zurückentwickelt. Das heißt nicht, daß Heimstudios deshalb etwas Negatives an sich hätten, aber heutige Produktionstechniken, ergänzt durch die menschliche Komponente mit ,echten' Instrumenten, die von ,echten' Menschen gespielt werden, die Gemeinschaftsarbeit, all diese Faktoren sind Voraussetzung für ein besseres Produkt. Dennoch, hat ein solches Studio heute wirklich noch eine Existenzberechtigung?

Jens Kuphal: Ich möchte diesen Themenbereich einmal selbst mit einer Frage einleiten, die ich mir gestellt habe. Wie sollte ein großes Studio der 90er Jahre aussehen? So ahnungslos waren wir natürlich auch wieder nicht, nicht schon vorher über eine Antwort nachzudenken. Ich glaube, es gibt auch nur eine: Ein Studio von heute muß sich mit wirtschaftlichen Gegebenheiten auseinandersetzen, mit den Preisen für Miete, für laufende Kosten. Deshalb muß die Regie als Herzstück eine besondere Rolle erhalten, ebenso der Aufnahmeraum. Die riesigen Aufnahmehallen vergangener Tage sind heute wirtschaftlich nicht mehr tragbar, besonders wenn wir heutige Produktionsweisen betrachten. Die Regie darf technisch und akustisch keine Wünsche offen lassen und der Aufnahmeraum muß so konzeptioniert werden, daß zusätzliche Arbeiten im Overdub-Bereich zur Vervollkommnung der Produktion, die man mit Computern im Heimstudio vorbereitet hat, durchgeführt werden können. Meine Idee war eine Regie für die Mischung und endgültige Fertigstellung zu schaffen und dazu eine optimale Situation für Overdubs, für die Aufnahmen, die eine funktionierende Akustik erfordern: Schlagzeug, Gesang, Bläser, usw. Studios mit großen Aufnahmeräumen werden heute vielleicht noch in Amerika gebaut, aber nicht mehr in Deutschland. Das liegt letztlich auch daran, daß wir Deutsche ganz anders an den Bereich des Entertainment herangehen. Dazu kommt, daß es meines Erachtens im Zeitalter der Vernetzung in wenigen Jahren möglich sein wird, in einem Studio in London einen Aufnahmeraum buchen, die Musiker zu bestellen und dennoch in der eigenen Regie, die man sehr gut kennt, die Aufnahmen zu machen. Das sind Visionen, die, wie ich glaube, sehr bald auch in der täglichen Arbeit real werden.

Fritz Fey: Gerade die 90er Jahre haben eine beträchtliche Weiterentwicklung der digitalen Technik mit sich gebracht, so daß die Analogtechnik heute von den meisten als überholt betrachtet wird. Wenn man für die Zukunft neu investiert, warum wird dann auch hier wieder die übliche Handvoll Hunderttausender ausgegeben, um ein analoges Pult zu kaufen, und zwei analoge Bandmaschinen dazu, mit weitestgehend analogem Zusatzequipment? Gehört das zum Konzept des Studios?

Jens Kuphal: Ich denke in dieser Hinsicht recht konservativ und traditionalistisch. Natürlich bin ich der Digitaltechnik aufgeschlossen gegenüber, arbeite selbst mit Logic Audio und werde demnächst ein Pro Tools System kaufen. Ich möchte das nicht falsch verstanden wissen: Ich glaube an die Digitaltechnik und ihre Vorzüge. Andererseits: wir sitzen hier vor einer SSL G+ Konsole, die einen Entwicklungsweg hinter sich hat, der sich gut über 10 Jahre erstreckt. Das Pult stellt für mich den Abschluß einer ära dar, hier vereint sich so viel Know-how und so viel Feedback von der Produktionsseite, daß dieses Pult für mich das Nonplusultra der Analogtechnik darstellt. Es ist eine Technologie, die sich bewiesen hat. Ich glaube nicht, daß die ausschlaggebende Frage für das Produzieren von Musik ist, ob man auf einer analogen oder einer digitalen Technik arbeitet, sondern es ist immer nur der Umgang mit den Geräten. Es gibt viele große Namen unter den Toningenieuren, die das SSL selbst als Instrument bezeichnen. Es ist die Ergonomie und ein Konzept, das jetzt in voller Blüte steht, wogegen wir uns auf dem Digital-Terrain immer noch im Anfangsstadium befinden. Ich sehe da noch locker eine übergangsphase von mindestens 5 Jahren, bevor man sagen kann, daß die digitale Technik auf das Mischpult bezogen im selben Maße akzeptiert, respektiert und auch benutzt wird, wie die ausgereifte analoge Technik. Ein SSL und auch unsere Studer A820 sind der Abschluß einer Entwicklung und somit auch noch einige Jahre vollständig konkurrenzfähig. Die Fachleute rund um die Welt kennen diese Technik, schätzen und lieben sie. Da wir auch ein Ort sein wollen, der durch die Arbeit anderer gewinnt, war unsere Entscheidung eine sehr bewußte. So komisch es auch sein mag: die erste Frage, die man mir am Telefon stellt, ist die nach dem Mischpult. Wenn man diese Frage erwartungsgemäß mit SSL G+ beantwortet, ist alles weitere kein Problem mehr. So sehr ich eine Konsole wie zum Beispiel Euphonix schätze, ist es für mich bislang eine Technik, die eher für ganz spezielle Anwendungen geeignet ist. Die letzte breite Akzeptanz ist noch nicht da. Und die Zeit bis dahin kann ich mir nehmen, in den nächsten Jahren auf der ,sicheren Seite' zu sein, Ich sehe das selbst an mir in der Rolle des Produzenten. Es macht mir so viel Spaß an diesem Pult zu arbeiten. Das Bedürfnis ist noch nicht groß genug, etwas anderes einsetzen zu wollen. Dabei bin ich durchaus jemand, der bei Erkennen bestimmter Notwendigkeiten auch sofort handeln würde.

Fritz Fey: SSL hat durch die Vorstellung der J 9000 Serie nochmals sehr viel Vertrauen in die Analogtechnik gesetzt, ein Pult, das nach Deiner Ansicht nicht die Weiterentwicklung der 4000er Reihe darstellt, sondern ein völlig neues Pult mit einem ebenso neuen Konzept ist... Zum Zeitpunkt Deiner Entscheidung wäre es doch auch für Dein Studio verfügbar gewesen und es haben ja auch schon einige sehr namhafte Studios bestellt...

Jens Kuphal: Ich habe mir die J 9k sehr genau angesehen. Wäre ich in der Rolle von SSL gewesen, hätte ich das Konzept des Pultes noch konsequenter gestaltet. Es sind bestimmte Verbesserungen gegenüber der 4000er Serie vorhanden, die man sich vielleicht bei einer 4000er Serie wünschen würde, nicht aber bei einer 9000er. Ich hätte für ein 9000er Pult nicht Total Recall, sondern zwingend Total Reset erwartet. Die G+ ist die dritte Generation eines Layouts, die J 9000 ­nur' die erste. Die bisher verkauften Pulte sind an große amerikanische Studios und da in ausschließliche Vermietungsstudios gegangen, die immer wieder neu repräsentieren und sich am Markt ganz anders als wir behaupten müssen. Unsere Kalkulation steht eher auf einer 50/50 Basis, die Hälfte Eigenproduktionen, die andere Vermietung. Ich fühlte mich einfach nicht berufen, in die 9k einzusteigen. Lieber eine ausgereifte, bewährte Situation als die vermeintliche Chance auf noch mehr Möglichkeiten.

Fritz Fey: Die Konstruktion des Studios steht für meine Augen im krassen Gegensatz zu dieser konservativen Haltung. Das Konzept des Studios würde ich als eher waghalsig bezeichnen und es kommt sicher für die meisten als absolute Utopie daher...

Jens Kuphal: Das paßt sehr gut zusammen. Da können ruhig zwei Herzen in einer Brust schlagen, wenn man auf einer Seite übertreibt und einen Punkt zu setzen versucht, auf der anderen Seite die Leute aber nicht zu sehr erschreckt und Ihnen etwas Vertrautes vorsetzt, das sie ja auch haben wollen. Das Studio ist nicht für die nächsten drei, vier, sondern für die nächsten 10 oder 15 Jahre gebaut. Mir war wichtig, auf der technischen Seite relativ schnell Veränderungen vornehmen zu können, wogegen der eigentliche Studiobau etwas wesentlich Grundsätzlicheres für mich darstellt. So war es vielleicht auch wichtig, sich mit einem Fuß noch auf sicherem Land zu bewegen. Es wäre vermutlich nicht gut gewesen, auch auf der technischen Seite etwas übermäßig Futuristisches zu wagen...

Fritz Fey: Du hast Dir sicher viele Studios zwecks Inspiration angesehen und ich gehe fest davon aus, daß Du auch im Metropolis in London warst, was man meiner Meinung nach auch ziemlich deutlich sehen kann. Die B im Metropolis hat etwas Beängstigendes durch ihre kühle Ausstrahlung; hier empfindet man das merkwürdigerweise überhaupt nicht so und ich versuche auch schon die ganze Zeit herauszufinden, woran es denn nun eigentlich liegt. Trotz großflächiger Verglasung in alle Richtungen spürt man eine gemütliche, heimische Atmosphäre...

Jens Kuphal: Ich finde es bemerkenswert wie Du auf den Vergleich zu Metropolis kommst, da ich in der Tat gestehen muß, daß das Studio B dort bei mir einen unheimlich starken Eindruck hinterlassen hat. Im Vorfeld der Planung habe ich mir in Deutschland und natürlich auch in London die wichtigsten Studios angesehen. Dabei bin ich auch auf Metropolis gestoßen, ein Studio, das mich in seiner Dimension begeistert, aber auch abgeschreckt hat. Ich bin dort freundlich empfangen worden, fühlte mich aber trotzdem wie ein Eindringling in eine völlig fremde Welt, was in einem Studio eigentlich nicht passieren darf. Andererseits war ich von der Atmosphäre und den baulichen Details gefesselt, so daß ich am liebsten einen Tag dort verbracht hätte, um einfach nur dazusitzen. Als ganz krasses Gegenstück dazu möchte ich das Sarm Studio von Trevor Horn nennen, das auf mich einen ähnlich überwältigenden Eindruck gemacht hat, aber auf eine ganz andere Weise. Die Studios sind nicht gerade in einem berauschend guten Zustand, weil dort eben auch wahnsinnig viel produziert und gearbeitet wird. Die Kreativität und die ­Größe' dieses Studios wird nicht durch den optischen Eindruck vermittelt, sondern durch das, was dort in der Luft liegt: die Dynamik, die Leute, diese Energie und Inspiration, das hat mich völlig fertig gemacht. Ich bin hereingekommen und wußte, hier riecht es überall nach Hit, nach großer Musik. Trotz alter E-Serie Pulte, abgewetzter DASH-Recorder und verbrauchter Effektgeräte hatte das Studio eine ungeheure Magie. Mit diesen beiden Eindrücken bin ich zurückgeflogen und habe mir gesagt, daß die ästhetik des einen und die Magie des anderen Studios doch vielleicht unter einen Hut zu bringen wären. Wir haben versucht, mit dem Bau und der Kombination von Dingen und Leuten beides zu verwirklichen. Offensichtlich scheinen wir das ja auch irgendwie geschafft zu haben...

Fritz Fey: Heute ist ja nun ein besonderer Tag für das Studio und alle am Bau und der Entstehung Beteiligten. Nebenan im Aufnahmeraum wird gerade ein Buffet aufgebaut und ich kann hinunter bis zu den Schuhen desjenigen sehen, der gerade das Besteck auslegt. Trotzdem habe ich das Gefühl, daß uns dieses emsige Treiben hier im Regieraum überhaupt nicht betrifft, obwohl wir alle dank der großzügigen Glasflächen wechselseitig füreinander auf dem Präsentierteller sitzen. Und das ist dieser seltsame Effekt der Gemütlichkeit und Abgeschlossenheit, obwohl man von allen Seiten beobachtet werden kann.

Jens Kuphal: Genau so hatte ich es mir vorgestellt. Ich arbeitet nicht gerne alleine und möchte zeitweise doch ungestört sein. Man bekommt alles mit, was sich ringsherum im Studio bewegt und ist doch abgeschottet. Ich genieße das sehr. Es ist eine besondere Arbeitssituation, in der Regie von den Musikern getrennt arbeiten und doch jede kleine Bewegung und Körpersprache wahrnehmen zu können. Man kann dank dieser Voroussetzungen auch ganz anders auf die Musiker reagieren. Das ist eine Ausgangsbasis, die man in anderen Studios in dieser Konsequenz nicht vorfindet.

Fritz Fey: Du bist Musiker, Produzent und Toningenieur. Einer, der in all diesen Bereichen aktiv ist, sollte ja schließlich wissen, wie ein optimales Studio auszusehen hat...

Jens Kuphal: Was wir bisher besprochen haben, sind die offensichtlichen Faktoren. Ich glaube, daß ein Studio dafür geschaffen sein muß, eine gewisse Inspiration freisetzen zu können. Man darf sich nicht limitiert fühlen, nicht an einen Punkt kommen, der den kreativen Fluß unterbricht. Ich möchte deshalb auch, daß dieses Studio in seiner Gesamtheit funktioniert und eine Situation schaffen, in der ich über nichts mehr nachdenken muß. Ich will mich auf alles so verlassen können, daß die Musik einfach nur noch zu passieren braucht. In anderen Studios kam ich immer wieder in Situationen, in denen ich mit einer bestimmten Sache unzufrieden war, zum Beispiel drei Tage lang die gleiche Nummer mischen, weil ich unsicher über das bin, was ich in der Regie höre. Ich will bestimmte Faktoren einfach ausschließen, nicht damit sie wichtig, sondern damit sie unwichtig werden. Ich kann mich darauf verlassen, daß die Akustik und die Abhöranlage stimmen, daß die Maschine in Ordnung ist, daß das Pult gut klingt, daß der Aufnahmeraum einen guten Sound hat. All dies trifft für mich in den Hintergrund und ich kann einfach nur noch Musik machen, ohne mir diese grundsätzlichen Fragen an bestimmten Stellen des Arbeitsprozesses stellen zu müssen. Das ist auch der wesentliche Punkt, warum ich dieses Studio so und nicht anders wollte. Wir haben uns jetzt über zwei Jahre lang Gedanken über jede Schraube und jede Leitungsverbindung gemacht. Ab heute denke ich über all dies nicht mehr einen Moment nach.

Fritz Fey: Abseits solcher überlegungen gehört ja dennoch akustische Berechnung und architektonische Konzeption dazu, ein solches Studioprojekt in die Tat umzusetzen...

Jens Kuphal: Faktor Nummer eins bei der Planung war das Tageslicht. Wir wollten soviel wie möglich davon haben. Es gibt in jedem Raum und direkt über dem Pult Tageslicht. Die Regie ist so konzipiert, daß es dort nur das Pult und das Effektrack gibt. Die Schleuse, die rundherum um die Regie verläuft und akustisch gesehen als Schallschutzzone dient, kann mehrere Funktionen annehmen, als Maschinenraum oder weiterer Aufnahmebereich. Das Geniale daran ist, daß alle Geräte vollständig sichtbar sind, akustisch jedoch nicht wahrgenommen werden können. Wir sitzen in einer stillen Regie, die keine Nebengeräusche hat und haben trotzdem freien Blick auf alle Systeme. Die Regie sollte auch eine bestimmte Größe haben, damit man sich wohlfühlt. Wenn ich früher nach 14 Stunden aus einem Studio kam, war ich nahezu gerädert, hier gehe ich dank der gesunden Akustik, des Lichtes, der Atmosphäre, der räumlichen Weite und der guten Klimatechnik völlig entspannt nach Hause. Der Aufnahmeraum sollte so gestaltet sein, daß er auf der akustischen Seite wirklich bewußt einsetzbar wird. Der Raum ist so präzise vordefiniert, daß ich ihn gezielt als klanggestaltendes Element einsetzen kann. Will ich einen offenen Sound haben, gehe ich mehr nach vorne, will ich einen geschlossenen, trockenen Sound haben, halte ich mich im hinteren Teil des Raums auf. Ich kann mit den Elementen, also mit der fest installierten Akustik und mit den Stellwänden, eine Akustik erzeugen, sowie ich sie gerne haben möchte. In dieser Konsequenz habe ich das selten woanders vorgefunden. Das wichtigste Ziel ein solches Studio zu bauen war jedoch eine Regie zu haben, in der ich genau weiß, was ich höre.

Fritz Fey: Warum Quested 412 als Abhörsystem?

Jens Kuphal: Quested ist in unserem Bereich eine bewährte Box, die man rund um die Welt findet. Es ist wie beim SSL oder der Studer eine gute Antwort auf eine Frage. Ich finde, die Quested ist eine sehr rauhe und ,wilde' Box und sie hat ihre Fehler, für die man sie lieben oder hassen kann. Insgesamt aber eine dankbare Geschichte. Ich habe mich da durchaus auch an festen Werten orientiert. Quested Lautsprecher stehen hier letztlich aber auch in Abstimmung mit ACM, weil dort die Erfahrung mit diesen Monitoren schon bestand.

Fritz Fey: Wie wird es denn nun in den nächsten Monaten weitergehen?

Jens Kuphal: Ich möchte mich nicht hierher stellen und behaupten, wir hätten das beste Studio überhaupt. Und ich habe mich gegen den Optimismus meiner engsten Mitstreiter immer zu einem gewissen Realismus berufen gefühlt. Was passiert, das wird passieren. Ich sehe dieses Studio zunächst als einen nationalen Faktor, das traue ich uns durchaus zu. Ich glaube aber, daß das Studio in Kombination mit dem Standort Berlin eventuell auch für ein paar Überraschungen gut sein könnte. Es gibt ein spürbares Bedürfnis auf Seiten der Künstler, in dieser Stadt zu arbeiten und es gibt hier - außer diesem - kein Studio von 1995. Alle anderen bekannten Studios am Platze sind in den späten 70ern und Anfang der 80er gebaut worden. Inzwischen sind einfach 15 Jahre vergangen und es gehört nicht viel dazu 1995 ein Studio zu bauen, das anders ist als die bewährten. Ich weiß, daß internationale Künstler schon oft nach Berlin gekommen sind und auch weiterhin kommen werden, weil diese Stadt eine magische Anziehungskraft ausübt. Vielleicht wird in diesem Zusammenhang auch das passende Studio gesucht... Man darf dabei aber nicht vergessen, daß wir das Studio über weite Strecken mit eigenen Produktionen auslasten werden, auch wenn ich Gastkünstler sehr gerne hier begrüßen würde. Insofern muß man abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Wir sitzen mitten in Berlin und wir sind nagelneu...